Nachlassplanung im Wandel – Herausforderungen für die Praxis

Viele Erblasser fühlen sich durch den Pflichtteil eingeschränkt

Ivo Torelli

Die Schweizer Berghilfe ist eine rein mit Spenden finanzierte Stiftung, welche der Bergbevölkerung mit Investitionshilfen unter die Arme greift. Bei der Art der Spenden haben wir allerdings eine ausserordentliche Stellung; wir sind eines der wenigen Schweizer Hilfswerke, bei denen die Spenden aus Nachlässen einen substanziellen Teil ausmachen. In den letzten zehn Jahren stammte rund die Hälfte der Spendeneinnahmen aus Legaten und Erbschaften. Unsere Stiftung wird pro Jahr bei 100 bis 120 Nachlässen berücksichtigt. Diese werden grösstenteils direkt durch uns abgewickelt. So unterschiedlich und vielfältig die Nachlässe und die letztwilligen Verfügungen auch sind: Allen gemeinsam ist der Wille, die Schweizer Bergbevölkerung bei zukunftsfähigen Vorhaben zu unterstützen, damit unsere schönen Bergregionen auch in Zukunft belebt bleiben.

Es ist davon auszugehen, dass die anstehende Revision des schweizerischen Erbrechts einen grossen Einfluss auf die künftigen Einnahmen der Stiftung Schweizer Berghilfe haben wird. Im Zentrum sehen wir dabei die Erhöhung der Verfügungsfreiheit der Erblasserin und des Erblassers, sprich die Reduktion der Pflichtteile. Ich erlebe es heute in meinem Berufsalltag immer wieder, dass Menschen ihren letzten Willen nur unbefriedigend festlegen können, weil sie durch den hohen Pflichtteil (vor allem gegenüber ihren Kindern) eingeschränkt sind. Wenn sich das ändert, werden wohl die Enkel vermehrt berücksichtigt werden. Das ist ein Wunsch, den ich in der Praxis häufig höre. Weil die Menschen heute deutlich älter werden, sind die Kinder beim Tod ihrer Eltern oft schon im Rentenalter, haben eigene Vermögenswerte erschaffen und können die Erbschaft gar nicht mehr wirklich «gebrauchen». Die Enkel hingegen sind in einem Alter, in dem sie eine Familie mit kleinen Kindern haben oder berufliche Starthilfe benötigen. Sie wären auf das Geld angewiesen. Deshalb scheint es vielen Erblassern sinnvoll, eine Generation auszulassen.

Grundsätzlich sehe ich die Entwicklung für die Schweizer Hilfswerke positiv. Das hat verschiedene Gründe. Die heutigen Lebensverhältnisse wie zum Beispiel das Familienleben ohne Trauschein führen einerseits dazu, dass mehr und mehr Menschen ein Testament verfassen. Andererseits ist vielen daran gelegen, auch über das Leben hinaus Gutes zu tun. Gerade wenn sie sich vertieft mit der Nachlassplanung auseinandersetzen, machen sie sich Gedanken darüber, was nach dem Tod bleiben soll und wie sie ihr Vermögen in Einklang mit ihren Werten bringen können. Zudem sind sich mehr und mehr Leute in der Schweiz bewusst, dass es immer wichtiger wird, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Dies über ein seriöses und langfristig ausgerichtetes Hilfswerk zu tun, ist ein traditionellerweise gutes Vorgehen und lässt die Spenderinnen und Spender nach der Niederschrift ihrer Testamente innerlich zu Ruhe kommen. Ein sehr emotionaler und persönlicher Prozess, den ich oft miterleben darf.

Die wirklichen Gewinner der Erbrechtsrevision sind also nicht nur die Hilfswerke, sondern vor allem die Menschen, die ein Testament verfassen wollen. Denn sie können freier entscheiden, was nach dem Tod mit ihrem Vermögen geschehen soll, ihr letzter Wille erhält mehr Gewicht. Und das ganz unabhängig davon, ob nun ein Hilfswerk bedacht wird oder nicht.

Ivo Torelli ist Leiter Fundraising und Kommunikation bei der Schweizer Berghilfe.